Impulse

Auszug aus der Feierstunde 2017 - Die Religionen als Dank- und Tankstellen

Die Grundhaltung der Dankbarkeit besitzt einen hohen Stellenwert in vielen Religionen. Wofür - und wem gegenüber - empfinden wir Dankbarkeit? Wie beeinflusst das unser Leben, und welche Lehren können wir daraus ziehen? Was gibt uns Kraft für unser Tun – anders gefragt – woraus schöpfen wir? Baha´i, Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime suchten gemeinsam nach Antworten.

 

 An einem Brunnen kommen wir uns näher, wie dazumal „am Brunnen vor dem Tore“.

 

 

Wir wollen dankbar Wasser des Lebens schöpfen und Kraft für unser Leben tanken –
miteinander – für alle:

 

 

Judentum - Psalm 92

 

2/ Gut ist es, dem Ewigen zu danken,

deinem Namen zu musizieren, Gott in der Höhe,

 

3/ am Morgen von deiner Freundlichkeit zu erzählen,

in den Nächten von deiner Beständigkeit -

 

4/ auf der zehnsaitigen Laute und auf der Harfe, zum Klang der Leier.

 

5/ Du hast mir Freude bereitet, Ewiger, mit deinem Tun.

Über das Werk deiner Hände will ich in Jubel ausbrechen.

 

6/ Wie großartig sind deine Werke, Ewiger,

wie unergründlich deine Gedanken!

 

7/ Ein leerer Mensch erkennt dies nicht,

ein träger Mensch nimmt dies nicht wahr.

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13/ Die Gerechten werden emporschießen wie Palmen,

wie Zedern auf dem Libanon werden sie wachsen.

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15/ Noch im Alter werden sie Früchte tragen,

kraftvoll und lebendig werden sie sein,

um zu erzählen: Ja, gerecht ist der Ewige!

Mein Fels! Kein Unrecht ist an ihm!

 

 

Hinduismus

 

Zentraler Bestandteil des Vaishnavatum ist die Wiederholung des heiligen Namen Gottes beziehungsweise Krishnas. Dies knüpft an an den zweiten Teil unseres Wortspiels - Religion als Tankstelle.

 

Hierzu ein Text von Srila Bhaktivinoda Thakura:

 

"Es gibt kein Wissen, das so rein ist wie der heilige Name, und es gibt kein Gelübde, das so mächtig ist wie der heilige Name.

 

Es gibt keine Meditation, die so wirkungsvoll ist wie der heilige Name, und es gibt nichts zu erreichen, das besser wäre, als das, was man durch den heiligen Namen erhält.

 

Es gibt keine größere Entsagung, als das Chanten des heiligen Namens, und es gibt keinen größeren Frieden als den, den man durch den heiligen Namen erfährt.

 

In dieser Welt gibt es keine fromme Handlung, als den heiligen Namen anzunehmen, und es gibt kein erstrebenswerteres Ziel, als dasjenige, das man durch den heiligen Namen erreicht, denn durch ihn erlangt man die höchste Befreiung, den höchsten Bestimmungsort und den höchsten Frieden.

 

Der heilige Name ist die höchste Form der Hingabe.

 

Er ist die höchste Form der Verehrung durch das Lebewesen.

 

Er ist Ausdruck der höchsten Liebe, und er ist die erhabenste Art, sich an den Herrn zu erinnern.

 

Der heilige Name ist die Ursache aller Ursachen, die höchste Persönlichkeit Gottes, und als spiritueller Führer und Befreier ist er in höchstem Maße verehrenswert.

 

Wenn wir den heiligen Namen aufrichtig und ernsthaft chanten, werden wir transzendentale Freude erfahren, die unser Herz tanzen lässt.

 

Diese Glückseligkeit ist der essentielle Charakter des heiligen Namens.

 

Da sie voller unübertrefflicher Freude des Herrn und seiner Spiele ist, stellt sie das letztliche Ziel eines jeden Lebewesens dar.

 

 

 

Buddhismus

 

Eine Legende:

In Korea lebte ein großer Zen-Meister namens Won Hyo. Er hatte die Lehren des Buddha studiert, aber noch immer blieben Fragen. So machte er sich auf den Weg nach China, um einen der größten Zen-Meister zu befragen. Er war viele Monate unterwegs. Trotz aller Entbehrung und Mühe blieb er fest entschlossen, den Lehrer zu finden. Da ging ihm das Wasser aus. Er war schon Nacht und er brach erschöpft zusammen. Mitten in der Nacht erwachte er, von Durst gepeinigt. Er tastete mit den Fingern den Boden ab um etwas Trinkbares zu finden. Da spürte er den Rand eines Bechers, der bis zum Rand mit Wasser gefüllt war. Er nahm den Becher mit beiden Händen und trank voller Dankbarkeit den Becher aus, den – so glaubte er – Buddha ihm geschickt hatte. Das Wasser rann so kühl und frisch durch seine Kehle. Und weil er so durstig war, erschien es ihm das köstlichste Wasser, das er je getrunken hatte. Voll Freude, Glück und Dankbarkeit legte er sich wieder nieder und schlief bis in den hellen Morgen. Er erwachte, blickte um sich und sah, was er nachts für einen Becher gehalten hatte. Das war der Totenschädel eines Menschen auf dem Maden und Larven krochen und von den noch anhängenden Fleischfetzen fraßen. Da zog sich sein Magen vor Übelkeit zusammen. Won Hyo fiel auf die Knie, sein Mund öffnete sich, das Erbrochene rann heraus und im gleichen Moment öffnete sich sein Geist und er erlangte Erleuchtung. In diesem Moment erwachte er zum vollkommenen Verständnis der Natur des Geistes.

In der Nacht zuvor schmeckte das Wasser so köstlich, weil er es nicht sehen konnte und sich keine Gedanken darüber machte. Nun aber, da er den Schädel sah, machte er sich Gedanken darüber und dieses Wasser schien auf einmal schlecht zu sein und verursachte tiefste Übelkeit.

„Aha“, sagte sich der Meister und begriff: „Alles wird vom Geist geschaffen. Das Denken macht Dinge gut oder schlecht, köstlich oder ekelhaft.“Da er dies begriffen hatte, kehrte er um und wurde der führende Lehrer in seinem Lande.

 

Was bedeutet das?

Im Buddhismus werden oft drastische Beispiele gewählt, die den Menschen durch ein Schockerlebnis zur Erkenntnis der Wahrheit und damit zur Erleuchtung führen. Es ist also immer die eigene Bewertung, ob Dinge gut oder schlecht sind. Auch die Bewertung, ob wir für etwas dankbar sein sollen oder ob uns dies oder jenes ja ohnehin schon lange zusteht. Wenn ich dankbar bin, kann ich auftanken. Dankbar sein für einen Sonnenaufgang und erfüllt von seiner Schönheit.

 

 

Christentum

 

Von Franziskus sagt man, wenn er betete, sei der ganze Mensch zum Gebet geworden. Häufig wiederholte er dabei nur wenige Worte oder gar nur eines. Ein solches Wiederholungsgebet ist

 

Deus meus et omnia. - Mein Gott und Alles.

 

Das „mein“ darf dabei keinesfalls besitzergreifend interpretiert werden. Nach Pater Rotzetter ist die Intention vielmehr ein Dreiklang:

 

Gott – Ich – Alles.

 

Franziskus hebt die Arme zum Himmel - öffnet sich für Gott -

er empfängt Licht, Wärme, Kraft, Energie - er dankt dafür -

sie durchströmen ihn - er behält sie nicht für sich, teilt aus an Alle und Alles.

 

Dadurch hat Franziskus Platz für Freude und Glück, die ihm aus der Begegnung mit den Lebewesen und Naturkräften erwachsen. Brüder und Schwestern nennt er sie und fühlt sich verbunden mit dem ganzen Universum - er dankt dafür - und erstattet es dem Ursprung zurück, von dem alles ausgeht -

 

Die Quelle sprudelt - pax et bonum Friede und Heil

 

Franziskus dankt - und bringt überall …. seinen Segenswunsch

 

Pace e bene - Frieden und alles Gute!

 

So ist alles im Fluss, der Brunnen quillt über, Leben in Fülle:

 

geben und nehmen,

vertikal und horizontal -

danken und tanken -

vertikal und horizontal -

Gott – Ich – Alles

 

Deus meus et omnia.

 

 

 

Islam

 

"Betrachtet ihr wohl das Wasser, das ihr trinkt? Lasst ihr es aus den Wolken herabkommen, oder lassen Wir es herabkommen? Wenn Wir wollten, so machten Wir es bitter. Warum also dankt ihr nicht?" (Koran 56:68-70)

 

"Und wenn ihr die Gnaden Gottes aufzählen wolltet, ihr könntet sie nicht beziffern. … " (Koran 16:18)

 

Nichts kommt aus uns selbst: Diese Welt, die Menschen, die uns begleiten, alles was wir haben – verdanken wir allein dem Schöpfer allen Seins. Unser Leben wird uns täglich aufs Neue geschenkt. Dieses Geschenk ist mit Verantwortung verbunden.

 

„… Er (Salomon) sprach: Das ist eine Gnade meines Herrn, mich zu prüfen, ob ich dankbar oder undankbar bin. Und wer dankbar ist, ist nur dankbar zu seinem Besten. …“ (Koran 27:40)

 

Wer dankbar ist, lernt, das Gute wahrzunehmen, im Großen wie im Kleinen. Wir beginnen, Dinge zu sehen, die uns sonst verborgen geblieben wären.

 

Auch die Dankbarkeit selbst ist eine Gabe von Gott:

„… Er (Salomon) sprach: O mein Herr! Halte mich dazu an, für Deine Gnade zu danken, die Du mir und meinen Eltern gewährt hast; und rechtschaffen zu handeln, zu Deinem Wohlgefallen. …“ (Koran 27:19)

 

Alles, was wir Menschen als „Gegenleistung“ für die Güte unseres Schöpfers zu bieten haben, ist Dankbarkeit. So ist Dankbarkeit gleichzeitig die höchste Form der Anerkennung Gottes.

 

„So gedenkt Meiner, damit Ich eurer gedenke, und danket Mir und verleugnet Mich nicht.“ (Koran 2:152)

 

 

Baháitum

 

Mein Gott, mein Angebeteter, mein König, meine Sehnsucht! Welche Zunge könnte meinen Dank an Dich bekunden? Ich war achtlos, Du aber erwecktest mich. Ich hatte mich von Dir abgewandt, Du aber halfest mir gnädig, dass ich mich Dir wieder zukehrte. Ich glich einem Toten, Du aber belebtest mich mit dem Wasser des Lebens. Ich war wie verdorrt, Du aber erquicktest mich mit dem himmlischen Strom Deiner Worte, die sich aus der Feder des Allbarmherzigen ergossen.

 

O göttliche Vorsehung! Alles Dasein ist durch Deine Gnadenfülle erzeugt; beraube es nicht der Wasser Deiner Großmut und versage ihm nicht das Meer Deines Erbarmens. Ich bitte Dich flehentlich, stehe mir allezeit, in jeder Lage bei und hilf mir, da ich nach Deiner urewigen Gunst aus dem Himmel Deiner Gnade trachte. Du bist in Wahrheit der Herr der Großmut, der Herrscher im Reiche der Ewigkeit.

     Bahá’u’lláh