Impulse

 

 

Auszug aus den Texten der Feierstunde vom 9. Oktober 2016:

 

Barmherzigkeit – Liebe – Mitgefühl

 

 

Sei freigebig im Glück und dankbar im Unglück.

Sei des Vertrauens deines Nächsten wert und schaue hellen

und freundlichen Auges auf ihn.

Sei ein Schatz dem Armen, ein Mahner dem Reichen, eine

Antwort auf den Schrei des Bedürftigen, und halte dein

Versprechen heilig.

Sei gerecht in deinem Urteil und behutsam in deiner Rede.

Sei zu keinem Menschen ungerecht und erweise allen Sanftmut.

Sei wie eine Lampe für die, so im Dunkeln gehen, eine Freude

den Betrübten, ein Meer für die Dürstenden,
ein schützender Hort für die Bedrängten,

Stütze und Verteidiger für das Opfer der Unterdrückung.

Lass Lauterkeit und Redlichkeit all dein Handeln auszeichnen.

Sei ein Heim dem Fremdling, ein Balsam dem Leidenden, dem

Flüchtling ein starker Turm.

Sei dem Blinden Auge und ein Licht der Führung für den Fuß

des Irrenden.

 

Sei ein Schmuck für das Antlitz der Wahrheit, eine Krone für die

Stirn der Treue, ein Pfeiler im Tempel der Rechtschaffenheit,

Lebenshauch dem Körper der Menschheit, ein Banner für die

Heerscharen der Gerechtigkeit, ein Himmelslicht am Horizont der Tugend,

Tau für den Urgrund des Menschenherzens, eine Arche auf dem Meer

der Erkenntnis, eine Sonne am Himmel der Großmut, ein Stein im

Diadem der Weisheit, ein strahlendes Licht am Firmament

deiner Zeitgenossen, eine Frucht am Baume der Demut.

 

 

Dieser Text aus der Baháí-Tradition spiegelt das Thema der Feierstunde sehr schön wider. Und manche Zeilen erinnern uns an Überlieferungen oder Aussagen aus unseren eigenen Religionen. Diesen Verbindungen wollen wir nachspüren.

 

 

Hinduismus: „Sei … eine Frucht am Baume der Demut“

 

Bhakti (Sanskrit: भक्ति, bhakti) bedeutet Hingabe, Liebe, Demut, Anbetung, tiefste Verbundenheit mit Gott immer und unter allen Umständen. Bhakti ist die liebende Hingabe zu Gott.

 

Jedes Lebewesen ist eine unsterbliche spirituelle Seele, ein winziger Teil Gottes, der der Ursprung der gesamten Schöpfung und der Ursprung aller Lebewesen ist. Deshalb wird jemand, der dies erkannt hat, ganz natürlich den Wunsch haben, diesem Höchsten Herrn in Liebe und Hingabe Dienst dar zu bringen. Darin besteht der Vorgang des Bhakti-Yogas.

 

Der Begriff „Yoga“ heißt wörtlich „Verbindung aufnehmen“, und „Bhakti“ bedeutet „Liebe“ und auch „hingebungsvoller Dienst“. Somit besteht der Vorgang des Bhakti-Yogas darin, „sich mit dem Höchsten durch liebenden, hingebungsvollen Dienst zu verbinden“.

 

Da wir Lebewesen Teile des Höchsten sind, gehen Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis Hand in Hand. Wir kommen deshalb nicht umhin, dem Höchsten Herrn zu dienen, wenn wir nach Selbsterkenntnis streben. Die Veden geben in diesem Zusammenhang ein Beispiel: Wenn die Sonne am Morgenhimmel aufgeht, kann man gleichzeitig sie Sonne und sich selbst sowie die ganze Umwelt erkennen. Ebenso erlangt man durch den Vorgang des Bhakti-Yogas Wissen über Gott und gleichzeitig auch Wissen über unsere eigene spirituelle Identität und über unsere Beziehung zu Gott.

 

 

Judentum: „Sei ein Schatz dem Armen, ein Mahner dem Reichen, eine Antwort auf den Schrei des Bedürftigen, und halt dein Versprechen heilig.“   „Sein ein Heim dem Fremdling, ein Balsam dem Leidenden, dem Flüchtling ein starker Turm.“

 

Der Prophet Micha (6,8):

 „Es wurde dir, Mensch, doch schon längst gesagt, was gut ist und wie Gott möchte, dass du leben sollst. Er fordert von euch nichts anderes, als dass ihr euch an das Recht haltet, liebevoll und barmherzig miteinander umgeht und demütig vor Gott euer Leben führt.“

 

Und der Prophet Sacharja (7,9+10) verkündet im Namen Gottes:

„ Richtet recht, und jeder beweise an seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit; und tut nicht unrecht den Witwen, Waisen, Fremdlingen und Armen; und keiner ersinne in seinem Herzen Unheil gegen seinen Bruder.“

 

Das alles entspringt einer Liebe, die von Gott kommt. Der Talmud (Sprüche der Väter 5,19) drückt das so aus:

 „Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.“

 

 

Buddhismus – „Sei zu keinem Menschen ungerecht und erweise allen Sanftmut.“

 

Ein Begriff wie Barmherzigkeit oder Sanftmut wird in der buddhistischen Terminologie mit dem Wort Mitgefühl oder Mitleid umschrieben. Diese beiden gehören zu den vier göttlichen Verweilzuständen – als da sind:

Barmherzigkeit / Mitleid karuna

Güte / Sanftmut metta (p) / maitri (skr)

Mitfreude mudita

Gleichmut upekka (p) / upeksa (skr)

 

Die Barmherzigkeit, das Mitleid, die Sanftmut und die Gerechtigkeit gelten gegenüber allen fühlenden Wesen. Das bedeutet nicht töten, nicht quälen, weder Mensch noch Tier. Der Buddhismus wandte sich schon zu seiner Anfangszeit gegen die rituellen Tieropfer in anderen Religionen.

 

Barmherzigkeit, Liebe und Mitgefühl betreffen nicht nur die körperliche Unversehrtheit der Wesen, sondern auch die geistige. Sogar Tiere spüren ob sie gemocht werden, wieviel mehr die Menschen.

 

Es geht nicht darum, die Welt zu retten, es geht um einfühlendes Zuhören, Mittragen von Leid, Verständnis und ehrliche Zuwendung zu den Wesen und gerechte Verteilung von Gütern.

 

Im Kampf gegen unsere Selbstsucht können wir keinen besseren Verbündeten finden als das Mitgefühl. Die Anhaftung an unser Selbst ist die Ursache unseres endlosen Wanderns in Samsara. Deshalb ist in unserer Tradition das Mitgefühl die Quelle der Erleuchtung.

 

 

Christentum – „Sei wie eine Lampe für die, so im Dunkeln gehen, eine Freude für den Betrübten.“

 

„Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“  oder  „Das Gleichnis vom barmherzigen Vater“

 

Und er sprach: Ein Mann hatte zwei Söhne. Und der Jüngere von ihnen sagte zum Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht. Da teilte er alles, was er hatte, unter ihnen. Wenige Tage danach machte der jüngere Sohn alles zu Geld und zog in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und verschleuderte sein Vermögen. Als er aber alles aufgebraucht hatte, kam eine schwere Hungersnot über jenes Land, und er geriet in Not. Da ging er und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. Und er wäre zufrieden gewesen, sich den Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen, doch niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot in Hülle und Fülle, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; stelle mich wie einen deiner Tagelöhner. Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater.

Er war noch weit weg, da sah ihn sein Vater schon und fühlte Mitleid, und er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sagte zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Da sagte der Vater zu seinen Knechten: Schnell, bringt das beste Gewand und zieht es ihm an! Und gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe für die Füße! Holt das Mastkalb, schlachtet es, und wir wollen essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an zu feiern.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Und er rief einen von den Knechten herbei und erkundigte sich, was das sei. Der sagte zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm zu. Er aber entgegnete seinem Vater: All die Jahre diene ich dir nun, und nie habe ich ein Gebot von dir übertreten. Doch mir hast du nie einen Ziegenbock gegeben, dass ich mit meinen Freunden hätte feiern können. Aber nun, da dein Sohn heimgekommen ist, der da, der dein Vermögen mit Huren verprasst hat, hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Er aber sagte zu ihm: Kind du bist immer bei mir, und alles, war mein ist, ist dein. Feiern muss man jetzt und sich freuen, denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden.     [Lk 15,11-32]

 

 

Islam: „Lass Lauterkeit und Redlichkeit all dein Handeln auszeichnen.“

 

„Und es soll aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten einlädt, die das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet. Sie sind es, denen es wohlergehen wird.“     [Koran 3:104]

 

„Siehe, Gott gebietet, Gerechtigkeit zu üben, gütig zu sein, und die Nahestehenden zu beschenken. Und Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit. ER ermahnt euch, euch dies zu Herzen zu nehmen. Und haltet eure Versprechen gegenüber Gott, wenn ihr welche eingegangen seid. Und brecht nicht eure Eide, nachdem ihr sie beschworen und Gott zu eurem Bürgen gemacht habt. Siehe, Gott weiß was ihr tut.“     [Koran 16:90,91]

 

„Siehe, Gott gebietet euch, die euch anvertrauten Güter ihren Eigentümern (wieder) zurückzugeben, und wenn ihr zwischen den Menschen richtet, nach Gerechtigkeit zu richten. Wie trefflich ist das, wozu Gott euch ermahnt! Siehe, Gott hört und sieht.“     [Koran 4:58]

 

„Gottes treffliche Ermahnung!“ SEINE Ermahnung und Rechtleitung bedeutet Barmherzigkeit für uns Menschen. SEINE Barmherzigkeit ging allem voraus - und war von Anfang an.

Indem Menschen untereinander Barmherzigkeit üben, schließt sich der Kreis zur göttlichen Barmherzigkeit. Unser Prophet sagte dazu:

 

„Den Barmherzigen ist Gott barmherzig. Seid barmherzig gegenüber denen, die auf Erden sind, dann sind auch die im Himmel (Gott und die Engel) euch gegenüber barmherzig.“         [Hadith]